Ibiza Occident

UBER DEN FILM

Die Idee für diesen Film entstand aus meinem Interesse für Welten, von denen wir meist nur vorgefasste, klischeehafte Vorstellungen haben. Und Ibiza ist für viele nicht mehr als ein Ort des Lust, der Frivolität und der Drogen. Es wird daran gezweifelt, dass eine Insel, die sich dem Freizeitbusiness widmet, irgendwelche Werte transportieren könnte, die über die Geldgier und das hedonistische Vergnügen hinausgehen. Nur wenige wissen, dass diese kleine Mittelmeerinsel die Welthauptstadt der elektronischen Musik ist und einer der Orte mit der dichtesten musikalischen Kreativität in Europa.

Seit der Frühgeschichte existiert die Notwendigkeit, besondere Orte für Rituale und Feste zu schaffen. Meist befinden sie sich in idyllischer Umgebung, die das Gefühl von Ekstase und Euphorie potenzieren. Ibiza war in seiner ganzen Geschichte immer ein Refugium für Menschen, die dort Spiritualität, Regeneration oder auch Befruchtung gesucht haben. Aber es war auch ein Ort von schlauen Händlern und kühnen Piraten.
Und es ist gerade diese intensive Mischung von Natur, Spiritualität, Erotik, Ritus, Kunst und Business, die Ibiza so außergewöhnlich macht.

In einer Zeit der “political correctness” steht das Feiern der jungen Leute wieder unter Verdacht und wird meist nur auf seinen extremsten Ausdruck reduziert. Gern erklärt man sich den Erfolg der großen Events der elektronischen Musik mit der Menge von Drogen, die dabei konsumiert werden. Viele „Päpste der Intellektualität“ verweigern den DJs oder Produzenten der elektronischen Musik den Stellenwert von Künstlern. Wie sollte auch Kunst sein, was in einer Disco konsumiert wird? Die Welt der elektronischen Musik hat sich jedoch nie besonders um jene gekümmert, die versuchen, sie leichtfertig zu verurteilen. Denn die Nähe zu einem großen und meist jungem Publikum, hat sie von der Notwendigkeit befreit, bei den intellektuellen Eliten Bestätigung suchen zum müssen. Seit den 90ern hat sie Millionen in Bewegung gebracht und Ibiza ist eines ihrer emblematischen Zentren geworden. Die Dichte der Künstler, die dort jedes Jahr auftreten, das absolut kosmopolitische Publikum und der Umstand, dass die Clubs der Insel die wichtigsten der Welt sind, haben Ibiza in das „Hollywood der elektronischen Musik“ verwandelt. Ein Ort der Stars fabrizieren und sie auch wieder verschlingen kann.

Die Welt der elektronischen Musik hat Ibiza Ende der achtziger Jahre entdeckt. Die Insel bot die Möglichkeit eines Ortes, an dem die Zelebration im Zentrum des Lebens stand und gleichzeitig die notwendige Freiheit , um sich entwickeln zu können. In Ibiza war das Feiern nie verdächtig oder negativ belastet, sondern Teil ihrer Identität.

Aber alles, was durch des Menschen Hände geht wird auch zum Geschäft und sei es das versteckteste Paradies. So hat sich auch in Ibiza die Welt der Clubs in eine komplexe Geldmaschinerie verwandelt und ist deshalb auch wie einer der Protagonisten sagt: “ein Spiegel dessen, was in der Welt geschieht.”
Denn der Wunsch, frei zu sein, zu entfliehen, zu feiern erlöst uns nicht von der Notwendigkeit überleben zum müssen. Die ersten, die an einem paradiesischen Ort ankommen, genießen die Entdeckung und schaffen sich dann eine Basis, um bleiben zu können, indem sie den nächsten das verkaufen, was diese brauchen, um Spaß zu haben.
Das wiederum zieht wieder andere an, was wiederum den Wunsch anderer potenziert. Die daraus resultierende Spirale produziert die Multiplikation in Masse eines Phänomens. Dass Ibiza trotz alledem noch nicht in den absoluten Massentourismus abgedriftet ist, sondern sich eher in eine kuriose Mischung von Clubbers und Jet Set verwandelt, verdankt die Insel wohl der Paradoxie, dass sie gerade ihr verruchter Ruf geschützt hat.

Ibiza ist jedoch weder eine perfekte Idylle noch ein Ort, an dem alle glücklich sind. In Ibiza geschehen dieselben Dinge, wie überall auf der Welt. Sie unterscheidet sich jedoch von anderen Plätzen vielleicht dadurch, dass sie “einen Ort zum Spielen” ist, wie sie eine der Protaginsten definiert. Eine Insel, deren Vibrationen sich nicht nur durch die Präsenz von Drogen und raffinierten Partys erklärt, sondern vor allem durch ihre Geschichte, die Toleranz ihrer Einwohner und durch das Bedürfnis einer Gesellschaft, die in der Zelebration das sucht, was sie im Alltag nicht finden kann: Durch das Gefühl von Euphorie und der Ekstase die Brutalität einer Welt zu ertragen, die nicht aus ihren Fehlern lernen will.
Ein anderer Protagonist sagt einmal: “die jungen Leute brauchen immer mehr, um Spaß zu haben und die Clubs kommen mit dem immer höheren Anspruch kaum mehr mit.” Wir leben in einer Zeit, in der es die Vertreter der Gesellschaft nicht mehr schaffen, die nächsten Generationen, davon zu überzeugen, dass ihr ökonomisches und soziales Modell Wohlstand und Sicherheit bringen kann. Viele fühlen sich eingesperrt in ein Leben voller Stress und Wettkampf. Um diesem Druck zu entweichen, versuchen sie am Wochenende und im Urlaub in Erfahrungen zu entfliehen, die nicht mehr verlangen als den nackten Willen zum Vergnügen. Und weil die Zeit knapp ist, das Leben teuer und die Arbeit unsicher, muss alles gleich geschehen. Deshalb werden auch alle so geschätzt, die uns helfen, die Ketten des bedrückenden Alltags abzuwerfen. Seien es jetzt wie in unserem Fall DJs, Musiker, Künstler oder Clubbesitzer. Wer sich in der Nähe des Schlüssels zur Glückseligkeit befindet, erwirbt dadurch einen gewissen Status der Heiligkeit. Was die Welt der elektronischen Musik von anderen unterscheidet, ist vielleicht die außergewöhnliche Mischung von tribalen Rhythmen und der Hightech-Technologie des 21. Jahrhunderts, die Symbiose zwischen afroamerikanischer Sensibilität und europäischer Strenge und letztlich die Fähigkeit universelle Klangelemente zu integrieren.

In jedem Fall ist die kollektive Zelebration, ob sie nun mit elektronischer Musik oder einer anderen stattfindet, heute so notwendig wie sie immer war. Sie wird zur kulturellen Manifestation, wenn sie von individueller Kreativität der Künstler begleitet ist, die dem Kollektiv die Möglichkeit eröffnen, in ein außergewöhnliches Erlebnis abzutauchen, das uns an unseren archaischen Ursprung führt. Den Hunger, den Feind oder die Dunkelheit, also letztlich die Angst zu besiegen und sich somit in einer Gemeinschaft sicher zu fühlen, die gemeinsam vorwärts schreitet, war immer schon der zentrale Grund für religiöse oder Riten und säkulare Feiern, die in Zahl und Farben immer ganz dem Wohlstand der jeweiligen Gesellschaften und Zivilisationen angepasst sind. Der Okzident ist im allgemeinen eine sehr selbstsichere Gesellschaft, die sich darin gefällt ihr glück zu genießen und zu feiern. Dass eine Klutur iwe die der elektronischen Musik entstanden ist, die afrikanische Rhythmen und eine gewisse orientalische spiritualität einfliessen liess, zeigt an, dass Generationen aufgewachsen sind, die erspüren, dass die Glückseligkeit nicht durch Ausbeutung geschafft werden kann. Und es ist auch gültig für das Freizeitbusiness, das nur zu oft den Wunsch nach Zelebration und Genuss mit der Gier nach Geld und Macht entstellt.

Und aus genau diesen Gründen individualisiere ich im Film das Publikum nicht, sondern behandle es als Kollektiv auf der Suche nach Genuss. In den Porträts versuche ich jedoch hinter die Kulissen zu schauen auf die Seite der Künstler und Musiker, auf die Promoter, die Clubbesitzer, kurz, auf diejenigen die es ermöglichen, dass die Maschinerie funktioniert. Sie sind es, die dem Publikum das geben, was das Publikum verlangt. Sie füllen die Lücken einer Gesellschaft, die davon besessen ist, einen Zustand der Glückseligkeit zu erreichen. Jede einzelne Geschichte steht für einen gewissen Aspekt des Ganzen, sei es nun die Insel oder unsere Welt, ohne jedoch den Anspruch von Vollständigkeit zu erheben. Es ist viel mehr eine Reise mit Haltestellen, fast einer kleinen Sammlung von Kurzgeschichten gleich, deren Hauptfigur Ibiza ist, deren Inspiration aber die Musik. Denn auf Ibiza bildet sie die Schnittstelle an der sich alle Achsen kreuzen. Und wenn, wie Proust sagte, „die Musik ein bisschen Zeit im reinen Zustand“ ist, so könnte auch Ibiza ein bisschen Okzident im reinen Zustand sein.

Günter Schwaiger